Importe aus Drittstaaten gefähr­den den hei­mi­schen Süßkirschenanbau

Klartext​.NRW – „Wie kann es sein, dass z.B. tür­ki­sche Süßkirschen, die mit Pflanzenschutzmitteln behan­delt wer­den, die in Deutschland ein Anwendungsverbot haben, den Weg in die deut­schen Supermarktregale fin­den?“, so der Vorsitzende der Fachgruppe Obstbau Bonn/​Rhein‐​Sieg, Ferdinand Völzgen, bei einer Informationsveranstaltung rhei­ni­scher Obstbauern am 26. Juni 2019 in Meckenheim.

Auch wenn die gesetz­lich erlaub­ten Höchstgehalte an Rückständen von Pflanzenschutzmitteln ein­ge­hal­ten wür­den, sei es nicht nach­voll­zieh­bar, dass diese Kirschen den Weg zum Verbraucher fän­den. Denn die Berufskollegen aus der Türkei könn­ten sich das teure Einnetzen der Kirschanlagen gegen Schädlinge, wie die Kirschfruchtfliege und die Kirschessigfliege, spa­ren und hät­ten dadurch einen Kostenvorteil.

Völzgen wies auf einen wei­te­ren Kostenvorteil der tür­ki­schen Kirschenerzeuger hin: In Deutschland betrage der gesetz­li­che Mindestlohn 9,19 €/​Std., in der Türkei nach einer Anhebung um 20 % in die­sem Jahr trotz­dem noch nicht ein­mal 2,00 €/​Std. Er beklagte, dass der Handel, der unter star­kem Wettbewerbsdruck stehe, Kirschen aus hei­mi­scher Produktion nicht oder nur teil­weise in sein Sortiment auf­nehme. „Wir wer­den dafür abge­straft, dass wir – wie vom Gesetzgeber gefor­dert – in Sachen Lebensmittelproduktion auf umwelt­freund­li­chere Produktionsverfahren umstel­len“, so Völzgen. Er stellte die Frage, wo der gelebte Klima‐ und Umweltschutz bleibe, wenn Nahrungsmittel aus dem Ausland bil­lig ein­ge­führt, die dor­ti­gen Produktionsweisen aber nicht hin­ter­fragt wür­den.

Obstbauer Manfred Felten, auf des­sen Betrieb in Meckenheim die Informationsveranstaltung statt­fand, baut mit sei­ner Ehefrau Zuzanna und Sohn Matthias Süßkirschen auf einer Fläche von 1,5 ha an. „Bei der Planung der Anlage haben wir von Anfang an eine Überdachung vor­ge­se­hen“, so Felten. So könne die Kirschblüte vor Frost geschützt, die Kirschen könn­ten ohne Angst des Erzeugers vor dem Platzen bei Regen voll­reif wer­den und ihr opti­ma­les Aroma errei­chen. Durch eine Einnetzung der Bäume könn­ten meh­rere Insektizid‐​Spritzungen gegen die Kirschessigfliege ein­ge­spart wer­den.

Die weib­li­che Kirschessigfliege lege bis zu 300 Eier in gesunde und ern­te­reife Früchte, berich­tete Dr. Silke Benz vom Pflanzenschutzdienst der Landwirtschaftskammer NordrheinWestfalen. Der Schädling, der aus dem asia­ti­schen Raum stamme, habe sich seit 2014 in Deutschland eta­bliert und befalle Weichobst, wie Kirschen, Himbeeren, Brombeeren und Heidelbeeren. So habe man „gute Erfahrungen mit Netzen als Abwehr und Ausgrenzung der Kirschessigfliege gewon­nen, die eine Maschenweite von 0,8 x 0,8 mm auf­wei­sen“, infor­mierte Benz. Der Betrieb Felten habe als Demonstrationsbetrieb mit dem Einnetzen der Obstkulturen gegen den gefähr­li­chen Schädling eine wich­tige Rolle über­nom­men. Die Netze wür­den nach der Blüte ange­bracht und unmit­tel­bar nach der Ernte wie­der ein­ge­rollt, sodass Insekten und Vögel wie­der freien Zuflug zur Kultur hät­ten.

Für viele Verbraucher sei nicht der gerin­gere Energieverbrauch und damit geleb­ter Klimaschutz das wich­tigste Argument für den Einkauf regio­na­ler und sai­so­na­ler Lebensmittel, stellte Bernhard Burdick von der Verbraucherzentrale NRW fest. „Solche Lebensmittel kön­nen aus­rei­fen und schme­cken bes­ser, weil sie frisch sind und nicht schon halb­reif geern­tet wur­den“, so Burdick. Die Nähe schaffe Vertrauen und Transparenz, was in glo­ba­li­sier­ten Märkten immer wich­ti­ger werde. Am Beispiel der Süßkirschen zeigte Burdick auf, wie hoch der Energieverbrauch für den Transport der Früchte zu den Verbrauchern im Rheinland ist. Bei Kirschen aus der Region in einem Umkreis von 250 km wür­den bei einem LKW‐​Transport 25 – 30 ml Erdöl je Kilogramm Kirschen ver­braucht, bei Kirschen aus Italien seien es 100 – 150 ml und bei Kirschen aus der Südtürkei etwa 250 ml. „Werden die Kirschen ein­ge­flo­gen, dann ver­braucht dies für 1 Kilogramm Kirschen etwa 1,5 kg Erdöl – mit ent­spre­chend 6‐​facher Klimabelastung“, so Burdick.

Philip Wißkirchen, Vorsitzender der Obstbaujunioren Rheinland und stell­ver­tre­ten­der Vorsitzender der Fachgruppe Obstbau Bonn/​Rhein‐​Sieg, stellte ein mög­li­ches Szenario für den Einkauf im Jahr 2030 vor, wenn für den regio­na­len Obstbau keine bes­se­ren Bedingungen geschaf­fen wür­den. So liege im Supermarkt nur noch Obst von mil­li­ar­den­schwe­ren mul­ti­na­tio­na­len Konzernen aus Asien und Amerika, die in Niedriglohnländern ohne Rücksicht auf Klima und Artenschutz pro­du­zie­ren lie­ßen. Der deut­sche Verbraucher fahre mit sei­nem Elektroauto zum Supermarkt und kaufe das Obst mit gutem Gewissen ein. Ändern lasse sich das nicht, weil die umwelt­freund­li­che Produktion vor der Haustür abge­schafft wor­den sei und das Obst statt­des­sen tau­sende Kilometer trans­por­tiert und die Insekten in den Produktionsländern durch nicht ziel­ori­en­tier­ten Pflanzenschutz aus­ge­stor­ben seien.

Die Aufrufe an die Politik sind essen­ti­ell wich­tig, aber es wird Zeit, dass jeder ein­zelne sei­nen Beitrag zum Klimaschutz leis­tet“, so Wißkirchen.

Er rief die Verbraucher dazu auf, beim Einkauf genau auf das Etikett des Obstes zu schauen und durch den Einkauf von regio­nal erzeug­tem Obst viele Tonnen CO2 und andere Treibhausgase ein­zu­spa­ren sowie die hei­mi­sche Wirtschaft zu unter­stüt­zen und Arbeitsplätze in der Region zu sichern.

Im Namen vie­ler jun­ger Obstbäuerinnen und Obstbauern bat Wißkirchen die Verbraucher um Unterstützung der Familienbetriebe aus der Region, die unter moderns­ten Technologien kli­ma­freund­lich und unter Beachtung des Natur‐ und Artenschutzes Obst pro­du­zier­ten.

Provinzialverband Rheinischer Obst‐ und Gemüsebauer e.V.
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