Klartext​.NRW: Kinder: Hoffnung bei aku­ter Leukämie – alle Eltern könn­ten Spender sein

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Klartext​.NRW – beilit-​Kurzfassungen: Eine effek­tive Therapiemöglichkeit für Kinder mit aku­ter Leukämie, die schwer behan­del­bar oder krank­heits­rück­fäl­lig sind und nicht auf übli­che Chemotherapie anspre­chen, ist die Stammzelltransplantation. 

Dabei wird das erkrankte Knochenmark durch gesunde Blutstammzellen von einem geeig­ne­ten Spender (allo­gen) ersetzt. Die Blutstammzellen wer­den durch Entnahme aus dem Knochenmark oder dem Blut des Spenders gewon­nen und auf den Patienten über­tra­gen. Sie wan­dern in das Knochenmark und begin­nen dort nach eini­ger Zeit mit der Bildung neuer, gesun­der Blutzellen. Eine Stammzelltransplantation ist eine risi­ko­rei­che Behandlung, denn es besteht die Gefahr, dass die über­tra­ge­nen Blutstammzellen vom Körper des Patienten abge­sto­ßen wer­den (Transplantatabstoßung) oder dass sie eine Abwehrreaktion im Patienten aus­lö­sen (Transplantat-​gegen-​Wirt-​Reaktion). Deshalb müs­sen die Gewebemerkmale, die soge­nann­ten huma­nen Leukozyten-​Antigene (HLA), auf der Oberfläche der Blutzellen von Spender und Patient über­ein­stim­men oder sich zumin­dest sehr stark ähneln. Spender ers­ter Wahl sind HLA-​identische Geschwister.

Wird kein Familienspender gefun­den, stel­len HLA-​identische Fremdspender, also nicht ver­wandte Personen mit glei­chen HLA-​Merkmalen, eine wei­tere Möglichkeit dar. Allerdings sind diese nicht immer leicht zu fin­den sind. Um auch für Patienten ohne pas­sende Spender eine lebens­ret­tende Stammzelltransplantation zu ermög­li­chen, wurde die soge­nannte haplo­iden­ti­sche Transplantation ent­wi­ckelt, bei der Blutstammzellen aus dem Knochenmark oder Blut der Eltern gewon­nen und spe­zi­ell auf­ge­r­ei­nigt wer­den. Da das Erbgut des Kindes zu glei­chen Teilen von Vater und Mutter stammt, stim­men sämt­li­che Erbmerkmale ein­schließ­lich der HLA-​Gewebemerkmale des Kindes jeweils zur Hälfte (haplo) mit den Merkmalen des Vaters oder der Mutter über­ein (ident).

In einer Studie haben Forscher eine neu­ar­tige Methode ent­wi­ckelt, mit der sie die Blutstammzelllen von haplo­iden­ti­schen Verwandten der an aku­ter Leukämie erkrank­ten Kinder spe­zi­ell auf­rei­nig­ten, bevor sie über­tra­gen wer­den. Sie ent­fern­ten dabei die soge­nann­ten alpha-​T- und B‑Zellen, die eine große Rolle im mensch­li­chen Abwehrsystem spie­len, um somit das Risiko einer Transplantatabstoßung oder einer Abwehrreaktion zu ver­rin­gern. Zwischen September 2011 und September 2014 wur­den 80 Kinder mit die­ser Methode behan­delt und unter­sucht. Alle Kinder wur­den mit einer Chemotherapie vor­be­han­delt, die die Knochenmarkszellen abtö­tete, um die bös­ar­ti­gen Krebszellen zu ent­fer­nen und Platz für die neuen, gesun­den Stammzellen des Spenders zu schaf­fen. Zusätzlich beka­men sie ein spe­zi­el­les Medikament (Anti-​T-​Lymophozyten-​Immunglobulin) ver­ab­reicht, das gegen bestimmte Zellen (T‑Zellen) des mensch­li­chen Abwehrsystems wirk­sam ist, um das Risiko einer Abstoßung bzw. Abwehrreaktion wei­ter zu reduzieren.

Bei nur zwei Kindern hatte die Stammzelltransplantation kei­nen Erfolg. Insgesamt tra­ten bei 30 % der Kinder Abwehrreaktionen auf, die sich haupt­säch­lich auf der Haut zeig­ten und in Schweregrad 1–2, also eher mild, ein­ge­stuft wur­den. Keines der Kinder ent­wi­ckelte umfang­rei­che, lang­an­hal­tende Abwehrreaktionen. Insgesamt trat bei 24 % der Kinder ein Krankheitsrückfall auf, wobei 5 % star­ben. Nach der Behandlung lag die Überlebensrate ohne Auftreten von Abwehrreaktionen oder Krankheitsrückfällen bei 71 %. Es war zu beob­ach­ten, dass ein Krankheitsrückfall vor­ran­gig bei den Kindern auf­trat, die vor der Stammzelltransplantation mit einer Bestrahlung behan­delt wor­den waren.

Die Wissenschaftler haben ihre Studienergebnisse mit zwei Gruppen von jeweils 41 bzw. 51 an Leukämie erkrank­ten Kindern ver­gli­chen, denen im glei­chen Zeitraum Stammzellen von HLA-​identischen Geschwistern bzw. von pas­sen­den HLA-​identischen Fremdspendern über­tra­gen wur­den. Sie schluss­fol­gern, dass die haplo­iden­ti­sche Stammzelltransplantation mit der spe­zi­el­len vor­he­ri­gen Aufreinigung der Blutstammzellen, durch Entfernung der alpha-​T- und B‑Zellen, eine geeig­nete Alternative für Kinder mit aku­ter Leukämie dar­stellt. Mit die­ser Behandlung kön­nen Kinder the­ra­piert wer­den, die drin­gend eine Stammzelltransplantation benö­ti­gen, denen aber kein geeig­ne­ter HLA-​identischer Spender zu Verfügung steht, denn mit die­ser Möglichkeit kön­nen nahezu alle Eltern für ihre Kinder spenden.

Referenzen: Locatelli F, Merli P, Pagliara D, Li Pira G, Falco M, Pende D, Rondelli R, Lucarelli B, Brescia LP, Masetti R, Milano GM, Bertaina V, Algeri M, Pinto RM, Strocchio L, Meazza R, Grapulin L, Handgretinger R, Moretta A, Bertaina A, Moretta L. Outcome of child­ren with acute leukemia given HLA-​haploidentical HSCT after αβ T‑cell and B‑cell deple­tion. Blood. 2017 Aug 3;130(5):677–685. doi: 10.1182/blood-2017–04-779769. Epub 2017 Jun 6.

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