Es ist bereits fünf nach zwölf – Offener Brief zu den Ergebnissen der IQB‐​Studie

Klartext.NRW – Im Vergleich zwischen 2011 und 2016 haben sich die Bedingungen an Grund- und Förderschulen im Hinblick auf die Zusammensetzung der Schülerschaft geändert. Zum einen ist der Anteil der Kinder mit Zuwanderungshintergrund gestiegen.

Zum anderen besuchen im Zuge der Umsetzung der Inklusion mehr Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine allgemeine Schule. Der Anteil der Viertklässlerinnen und Viertklässler mit Zuwanderungshintergrund liegt im Jahr 2016 bei etwa 34 Prozent und ist damit gegenüber 2011 um mehr als ein Drittel gestiegen.

Das zeigen die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends 2016, der heute in Berlin vorgestellt wurde. Getestet wurden Schülerinnen und Schüler, die mindestens ein Jahr in Deutschland zur Schule gegangen sind. Die Lesekompetenz der Grundschülerinnen und Grundschüler ist im Vergleich zu 2011 weitgehend stabil geblieben. Herausforderungen bestehen in den Bereichen Zuhören, Orthografie und Mathematik. Hier konnte das Kompetenzniveau von 2011 nicht in allen Ländern gehalten werden.

NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) teilte am Freitag, den 13.10.2017, in Düsseldorf mit: "Wir müssen einen Masterplan Grundschule erarbeiten".

Der Verband Bildung und Erziehung Landesverband NRW reagierte auf die Äußerungen der Ministerin mit einem offenen Brief.

 

Sehr geehrte Frau Ministerin,

Freitag, der 13. Oktober 2017, der Tag an dem die IQB-Studie von 2016 veröffentlicht und von Ihnen kommentiert wurde, hat eine große Welle der Entrüstung bei den Grundschullehrkräften ausgelöst. Dies zeigen unzählige Rückmeldungen, die uns erreicht haben und noch erreichen.

Das Ergebnis der IQB-Studie, das jede Grundschullehrkraft hätte voraussagen können, bestätigt die Grundschulumfrage des VBE aus 2016. Bereits hier wurde deutlich, dass die Rahmenbedingungen an den Grundschulen kein ordnungsgemäßes Arbeiten mehr zulassen. Wen wundert es da, dass die 2016 getesteten Viertklässler in NRW in ihren Leistungen im Vergleich zum Jahr 2011 in ihren Kompetenzen im Zuhören, im Rechtschreiben und in Mathematik abgefallen sind?

Grundschullehrkräfte erleben tagtäglich hautnah, wie sehr sie ihre Ansprüche von Jahr zu Jahr herunterschrauben müssen:

Klassenarbeiten, die noch vor 5 Jahren geschrieben werden konnten, werden abgespeckt. In vielen Klassen sitzen Kinder, die es nicht schaffen ruhig zuzuhören, wenn eine Geschichte vorgelesen wird. Immer mehr Kinder lernen noch in der vierten Klasse das kleine Einmaleins auswendig. Als Reaktion haben Sie u.a. angekündigt, dass Sie einen Masterplan Grundschule vorlegen und die Methode Lesen durch Schreiben eingrenzen wollen.

Sie vermitteln den Eindruck, die Methoden, mit denen an Grundschulen gearbeitet wird, sind falsch bzw. die Lehrkräfte setzen diese nicht richtig ein und auch das Fach Englisch muss auf die Probe gestellt werden.

Gleichzeitig erwecken Sie den Eindruck, die Lösung der Probleme ist gar nicht so schwierig: Wir führen in den Grundschulen in NRW flächendeckend wieder den Fibel-Unterricht ein, dann klappt es wieder besser mit dem Lesen und dem Zuhören.

Sehr geehrte Frau Gebauer, wir vermissen, dass die Politik sich ehrlich macht und ihre Versäumnisse eingesteht. Die Lehrkräfte an den Grundschulen wünschen sich, dass sie in ihrer Professionalität ernst genommen werden und endlich die Gelingensbedingungen bekommen, die sie benötigen, um die gestellten Anforderungen bewältigen zu können.

Im Vergleich zu anderen Bundesländern ist noch viel Luft nach oben. Die Grundschulen in NRW sind seit Jahrzehnten absolut unterfinanziert: Das Land NRW gibt pro Grundschüler 5000 € pro Jahr aus. In Bayern beträgt die Summe 6900 € (Statistisches Bundesamt, Ausgabe 2017).

Ein Beispiel aus der Praxis: Schulbücher dürfen in NRW in der Grundschule für ganze 36,00 € pro Grundschulkind angeschafft werden. Ein Mathematikbuch kostet im Schnitt ca. 20,00 €. Nur das Buch, die ergänzenden Förderhefte müssten extra bezahlt werden. Keine Grundschule kann sich das von ihrem Schulbuchbudget leisten.

Hinzu kommt, immer mehr Eltern geben ihre Mitverantwortung für die Erziehung und die Lern- und Leistungsentwicklung ihrer Kinder an die Schulen ab, aber dort stehen nicht ausreichend Lehrkräfte, nicht genügend sozialpädagogische Fachkräfte und andere Professionen zur Verfügung, die die Lehrkräfte unterstützen und es zudem ermöglichen Kinder auch einmal in Kleingruppen individuell zu fördern. Die Situation wird sich weiter verschärfen.

Viele Lehrerstellen im Grundschulbereich können nicht mehr mit originär ausgebildeten Lehrkräften besetzt werden. Die Schulen müssen auf Seiteneinsteiger zurückgreifen, die z. T. ohne jegliche pädagogische Vorqualifizierung in den Unterricht gehen und von den im System befindlichen Lehrkräften zusätzlich gecoacht werden müssen. Es hilft nicht, die Augen vor den großen gesellschaftlichen Aufgaben zu schließen, deren Auswirkungen zuerst in den Kitas und Grundschulen zu spüren und wahrzunehmen sind.

Die Anzahl der Kinder mit Schwierigkeiten im sozial-emotionalen Verhalten steigt jährlich. In vielen Klassen ist überhaupt nur schwer Unterricht möglich, da immer mehr Kinder es nicht gelernt haben, sich an selbstverständliche Regeln zu halten und somit konsequent stören.

Es ist auch keine Lösung, einzelne Methoden öffentlichkeitswirksam an den Pranger zu stellen und damit gleichzeitig die Arbeit von Hunderten von Grundschullehrkräften zu diskreditieren, die diese Methode seit Jahren erfolgreich anwenden.

Die Probleme liegen ganz woanders und es ist jetzt Ihre Verantwortung diese zu lösen. Beispielhaft seien einige genannt:

· In NRW sind 926 Stellen in der Grundschule unbesetzt.

· Von 2787 Schulen sind 345 Schulen ohne Schulleitung und 670 ohne Stellvertreter.

· Grundschulen haben mit 28 Wochenstunden die höchste Unterrichtsverpflichtung.

· Grundschulen sind oft kleine Systeme und haben vielfältige Aufgaben auf wenige Köpfe zu verteilen, sie bekommen aber die wenigsten Anrechnungsstunden.

· Die inklusive Beschulung der Kinder wurde und wird ohne Fortbildungen von Lehrerinnen und Lehrern mit minimalen Ressourcen auf den Rücken der Lehrkräfte umgesetzt.

· Sonderpädagogen stehen nicht jedem System zur Verfügung.

· Eine veränderte Lebenswelt der Kinder trägt enorm zu Stresssituationen bei Kindern bei.

· Die Gewalt gegen Lehrkräfte nimmt stetig zu.

In Sachen Wertschätzung müssen die Lehrkräfte an den Grundschulen tagtäglich hinnehmen, dass sie die höchste Unterrichtsverpflichtung, die schlechteste Bezahlung, keine Beförderungsmöglichkeiten haben und deutlich weniger Stunden als die weiterführenden Schulen für besondere Aufgaben zur Verfügung gestellt bekommen.

Dass die von der IQB-Studie festgestellten Mängel nicht deutlich größer sind, ist allein dem herausragenden Engagement, das die Grundschullehrkräfte trotz schlechter Rahmenbedingungen vollbringen, zu verdanken.

Es ist höchste Zeit die Grundschulen nicht weiterhin massiv zu benachteiligen, sondern ihre Arbeit endlich wertzuschätzen und dies sowohl in der Bezahlung (A13/EG13) als auch in den übrigen Rahmenbedingungen auszudrücken. Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern bereits fünf nach zwölf.

Mit freundlichen Grüßen,  

gez. Anne Deimel                                 gez. Udo Beckmann
Beisitzerin Grundschule VBE NRW       Vorsitzender des VBE NRW

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