Es ist bereits fünf nach zwölf – Offener Brief zu den Ergebnissen der IQB-Studie

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Robert Schilken, Herausgeber



Klartext​.NRW – Im Vergleich zwi­schen 2011 und 2016 haben sich die Bedingungen an Grund- und Förderschulen im Hinblick auf die Zusammensetzung der Schülerschaft geän­dert. Zum einen ist der Anteil der Kinder mit Zuwanderungshintergrund gestiegen. 

Zum ande­ren besu­chen im Zuge der Umsetzung der Inklusion mehr Schülerinnen und Schüler mit son­der­päd­ago­gi­schem Förderbedarf eine all­ge­meine Schule. Der Anteil der Viertklässlerinnen und Viertklässler mit Zuwanderungshintergrund liegt im Jahr 2016 bei etwa 34 Prozent und ist damit gegen­über 2011 um mehr als ein Drittel gestiegen.

Das zei­gen die Ergebnisse des IQB-​Bildungstrends 2016, der heute in Berlin vor­ge­stellt wurde. Getestet wur­den Schülerinnen und Schüler, die min­des­tens ein Jahr in Deutschland zur Schule gegan­gen sind. Die Lesekompetenz der Grundschülerinnen und Grundschüler ist im Vergleich zu 2011 weit­ge­hend sta­bil geblie­ben. Herausforderungen bestehen in den Bereichen Zuhören, Orthografie und Mathematik. Hier konnte das Kompetenzniveau von 2011 nicht in allen Ländern gehal­ten werden.

NRW-​Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) teilte am Freitag, den 13.10.2017, in Düsseldorf mit: „Wir müs­sen einen Masterplan Grundschule erarbeiten”.

Der Verband Bildung und Erziehung Landesverband NRW reagierte auf die Äußerungen der Ministerin mit einem offe­nen Brief.

Sehr geehrte Frau Ministerin,

Freitag, der 13. Oktober 2017, der Tag an dem die IQB-​Studie von 2016 ver­öf­fent­licht und von Ihnen kom­men­tiert wurde, hat eine große Welle der Entrüstung bei den Grundschullehrkräften aus­ge­löst. Dies zei­gen unzäh­lige Rückmeldungen, die uns erreicht haben und noch erreichen.

Das Ergebnis der IQB-​Studie, das jede Grundschullehrkraft hätte vor­aus­sa­gen kön­nen, bestä­tigt die Grundschulumfrage des VBE aus 2016. Bereits hier wurde deut­lich, dass die Rahmenbedingungen an den Grundschulen kein ord­nungs­ge­mä­ßes Arbeiten mehr zulas­sen. Wen wun­dert es da, dass die 2016 getes­te­ten Viertklässler in NRW in ihren Leistungen im Vergleich zum Jahr 2011 in ihren Kompetenzen im Zuhören, im Rechtschreiben und in Mathematik abge­fal­len sind?

Grundschullehrkräfte erle­ben tag­täg­lich haut­nah, wie sehr sie ihre Ansprüche von Jahr zu Jahr her­un­ter­schrau­ben müssen:

Klassenarbeiten, die noch vor 5 Jahren geschrie­ben wer­den konn­ten, wer­den abge­speckt. In vie­len Klassen sit­zen Kinder, die es nicht schaf­fen ruhig zuzu­hö­ren, wenn eine Geschichte vor­ge­le­sen wird. Immer mehr Kinder ler­nen noch in der vier­ten Klasse das kleine Einmaleins aus­wen­dig. Als Reaktion haben Sie u.a. ange­kün­digt, dass Sie einen Masterplan Grundschule vor­le­gen und die Methode Lesen durch Schreiben ein­gren­zen wollen.

Sie ver­mit­teln den Eindruck, die Methoden, mit denen an Grundschulen gear­bei­tet wird, sind falsch bzw. die Lehrkräfte set­zen diese nicht rich­tig ein und auch das Fach Englisch muss auf die Probe gestellt werden.

Gleichzeitig erwe­cken Sie den Eindruck, die Lösung der Probleme ist gar nicht so schwie­rig: Wir füh­ren in den Grundschulen in NRW flä­chen­de­ckend wie­der den Fibel-​Unterricht ein, dann klappt es wie­der bes­ser mit dem Lesen und dem Zuhören.

Sehr geehrte Frau Gebauer, wir ver­mis­sen, dass die Politik sich ehr­lich macht und ihre Versäumnisse ein­ge­steht. Die Lehrkräfte an den Grundschulen wün­schen sich, dass sie in ihrer Professionalität ernst genom­men wer­den und end­lich die Gelingensbedingungen bekom­men, die sie benö­ti­gen, um die gestell­ten Anforderungen bewäl­ti­gen zu können.

Im Vergleich zu ande­ren Bundesländern ist noch viel Luft nach oben. Die Grundschulen in NRW sind seit Jahrzehnten abso­lut unter­fi­nan­ziert: Das Land NRW gibt pro Grundschüler 5000 € pro Jahr aus. In Bayern beträgt die Summe 6900 € (Statistisches Bundesamt, Ausgabe 2017).

Ein Beispiel aus der Praxis: Schulbücher dür­fen in NRW in der Grundschule für ganze 36,00 € pro Grundschulkind ange­schafft wer­den. Ein Mathematikbuch kos­tet im Schnitt ca. 20,00 €. Nur das Buch, die ergän­zen­den Förderhefte müss­ten extra bezahlt wer­den. Keine Grundschule kann sich das von ihrem Schulbuchbudget leisten.

Hinzu kommt, immer mehr Eltern geben ihre Mitverantwortung für die Erziehung und die Lern- und Leistungsentwicklung ihrer Kinder an die Schulen ab, aber dort ste­hen nicht aus­rei­chend Lehrkräfte, nicht genü­gend sozi­al­päd­ago­gi­sche Fachkräfte und andere Professionen zur Verfügung, die die Lehrkräfte unter­stüt­zen und es zudem ermög­li­chen Kinder auch ein­mal in Kleingruppen indi­vi­du­ell zu för­dern. Die Situation wird sich wei­ter verschärfen.

Viele Lehrerstellen im Grundschulbereich kön­nen nicht mehr mit ori­gi­när aus­ge­bil­de­ten Lehrkräften besetzt wer­den. Die Schulen müs­sen auf Seiteneinsteiger zurück­grei­fen, die z. T. ohne jeg­li­che päd­ago­gi­sche Vorqualifizierung in den Unterricht gehen und von den im System befind­li­chen Lehrkräften zusätz­lich gecoacht wer­den müs­sen. Es hilft nicht, die Augen vor den gro­ßen gesell­schaft­li­chen Aufgaben zu schlie­ßen, deren Auswirkungen zuerst in den Kitas und Grundschulen zu spü­ren und wahr­zu­neh­men sind.

Die Anzahl der Kinder mit Schwierigkeiten im sozial-​emotionalen Verhalten steigt jähr­lich. In vie­len Klassen ist über­haupt nur schwer Unterricht mög­lich, da immer mehr Kinder es nicht gelernt haben, sich an selbst­ver­ständ­li­che Regeln zu hal­ten und somit kon­se­quent stören.

Es ist auch keine Lösung, ein­zelne Methoden öffent­lich­keits­wirk­sam an den Pranger zu stel­len und damit gleich­zei­tig die Arbeit von Hunderten von Grundschullehrkräften zu dis­kre­di­tie­ren, die diese Methode seit Jahren erfolg­reich anwenden.

Die Probleme lie­gen ganz woan­ders und es ist jetzt Ihre Verantwortung diese zu lösen. Beispielhaft seien einige genannt:

· In NRW sind 926 Stellen in der Grundschule unbesetzt.

· Von 2787 Schulen sind 345 Schulen ohne Schulleitung und 670 ohne Stellvertreter.

· Grundschulen haben mit 28 Wochenstunden die höchste Unterrichtsverpflichtung.

· Grundschulen sind oft kleine Systeme und haben viel­fäl­tige Aufgaben auf wenige Köpfe zu ver­tei­len, sie bekom­men aber die wenigs­ten Anrechnungsstunden.

· Die inklu­sive Beschulung der Kinder wurde und wird ohne Fortbildungen von Lehrerinnen und Lehrern mit mini­ma­len Ressourcen auf den Rücken der Lehrkräfte umgesetzt.

· Sonderpädagogen ste­hen nicht jedem System zur Verfügung.

· Eine ver­än­derte Lebenswelt der Kinder trägt enorm zu Stresssituationen bei Kindern bei.

· Die Gewalt gegen Lehrkräfte nimmt ste­tig zu.

In Sachen Wertschätzung müs­sen die Lehrkräfte an den Grundschulen tag­täg­lich hin­neh­men, dass sie die höchste Unterrichtsverpflichtung, die schlech­teste Bezahlung, keine Beförderungsmöglichkeiten haben und deut­lich weni­ger Stunden als die wei­ter­füh­ren­den Schulen für beson­dere Aufgaben zur Verfügung gestellt bekommen.

Dass die von der IQB-​Studie fest­ge­stell­ten Mängel nicht deut­lich grö­ßer sind, ist allein dem her­aus­ra­gen­den Engagement, das die Grundschullehrkräfte trotz schlech­ter Rahmenbedingungen voll­brin­gen, zu verdanken.

Es ist höchste Zeit die Grundschulen nicht wei­ter­hin mas­siv zu benach­tei­li­gen, son­dern ihre Arbeit end­lich wert­zu­schät­zen und dies sowohl in der Bezahlung (A13/​EG13) als auch in den übri­gen Rahmenbedingungen aus­zu­drü­cken. Es ist nicht fünf vor zwölf, son­dern bereits fünf nach zwölf.

Mit freund­li­chen Grüßen, 

gez. Anne Deimel gez. Udo Beckmann 
Beisitzerin Grundschule VBE NRW Vorsitzender des VBE NRW

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