Grevenbroich: Kampf gegen Chlorgas und Schwefelsäure

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Robert Schilken, Herausgeber



Grevenbroich – Ein auf­wän­di­ger Chemieeinsatz an der Realschule in Wevelinghoven hielt am Samstagabend große Teile der Grevenbroicher Feuerwehr rund neun Stunden lang auf Trab.

Es ist kurz nach 19 Uhr, als sich die Lage an der Wevelinghovener Realschule schlag­ar­tig ver­schärft. Gut ein­ein­halb Stunden dau­ert der Einsatz der Grevenbroicher Feuerwehr da schon. Die Helfer waren zum Heyerweg aus­ge­rückt, nach­dem die Chemikalienwarnanlage ange­schla­gen hatte, die über die Chlorung des Wassers im Lehrschwimmbecken der Schule wacht. Wie die Trupps bereits nach kur­zer Zeit fest­stel­len, ist zum Glück kein Chlorgas ausgeströmt.

Zwar hat­ten die Sprinkler an den Tanks aus­ge­löst, die das Chlorgas nie­der­schla­gen soll. Doch Chemikalienproben erge­ben rasch, dass offen­sicht­lich keine gif­ti­gen Substanzen frei­ge­wor­den sind. Sicherheitshalber schlie­ßen die in ihren volu­mi­nö­sen Chemieschutzanzügen an Raumfahrer erin­nern­den Einsatzkräfte den­noch zusätz­lich die Absperrventile der Gasflaschen.

Einsatzleiter Michael Wolff, der die Arbeiten der zu die­sem Zeitpunkt rund 40 Kräfte koor­di­niert, atmet auf. Um wei­tere Gefahren aus­zu­schlie­ßen, beor­dert er meh­rere Trupps ins Schulgebäude. Sie sol­len alle mög­li­cher­weise noch betrof­fe­nen Bereiche kon­trol­lie­ren. „Nicht, dass sich doch irgendwo noch Gase gesam­melt haben“, erläu­tert der Brandamtsrat die zeit- und per­so­nal­auf­wän­dige Suche. „Trotzdem sah das zu die­sem Zeitpunkt alles nach über­schau­ba­ren Restarbeiten aus.“

Dann knackt es im Funkgerät. Aus dem Lautsprecher tönt – vom Zischen des Atemschutzgerätes über­deckt – die Rückmeldung eines Kontrolltrupps aus dem Keller unter dem Lehrschwimmbecken. Und Sekunden spä­ter ist Wolff klar, dass der Einsatz im Grunde jetzt erst rich­tig beginnt.

In einem der Technikräume sei man auf eine rund 50 Quadratmeter große Lache mit einer unbe­kann­ten, stark ätzen­den Säure gesto­ßen, mel­det der Truppführer. Möglicherweise sei ein Teil davon auch schon in den Kanal gelangt. Wolff ruft den Trupp zurück, schickt statt­des­sen erneut Personal in Chemikalienschutzanzügen in den Keller, infor­miert die Umweltschutzbehörden und ordert drei wei­tere Löscheinheiten an die Einsatzstelle.

Wie extrem anstren­gend die Arbeit unter Atemschutz in den schwe­ren, roten, luft­dich­ten Plastikanzügen, mit ihren ange­schweiß­ten Stiefeln und Handschuhen ist, davon macht sich im Lauf des Abends auch Bürgermeister Klaus Krützen ein Bild. Er infor­miert sich in Wevelinghoven per­sön­lich über die Lage und ist erleich­tert, dass bei allem Aufwand im und ums Gebäude für die Anwohner der Schule keine Gefahr besteht.

Die Helfer selbst aber müs­sen sich auf­wän­dig schüt­zen, um nicht mit der ätzen­den Substanz in Kontakt zu kom­men. Insgesamt 20 Stück der Spezialanzüge wer­den die Helfer am Ende benö­ti­gen. Weil jede Feuerwehr im Kreis nur ein begrenz­tes Kontingent die­ser teu­ren Sicherheitskleidung vor­hält, stel­len die Nachbarwehren aus Neuss und Dormagen im Lauf des Abends zusätz­li­che Schutzanzüge für die Grevenbroicher Helfer bereit.

Hilfe kommt zudem von der Werkfeuerwehr Hydro Aluminium. Analysen der Trupps im Keller iden­ti­fi­zie­ren die Flüssigkeit als Mix aus Schwefelsäure und dem für das Niederschlagen der Chlorgase ver­sprüh­ten Wassers. Dabei zeigt sich, dass das Bindemittel, das die Grevenbroicher Wehr für Standardeinsätze vor­hält, zum Aufnehmen die­ser Flüssigkeit nur ein­ge­schränkt geeig­net ist.

Passendes Spezialgranulat, weiß einer der Grevenbroicher Ehrenamtler, der haupt­be­ruf­lich beim Aluminiumkonzern beschäf­tigt ist, sei aber bei sei­nem Arbeitgeber vor­rä­tig. Kurz dar­auf rollt von dort eben­falls Unterstützung an. „Das zeigt wie­der ein­mal“, sagt Wolff spä­ter, „wie wich­tig nicht nur die gute Zusammenarbeit mit den ört­li­chen Werkfeuerwehren ist, son­dern auch, dass wir Know-​how und Kontakte in die Unternehmen durch unsere ehren­amt­li­chen Kräfte nut­zen können.“

Es geht gegen 23:00, als die Trupps schließ­lich die 200 bis 300 Liter der ätzen­den Substanz im Keller gebun­den und das Bindemittel eimer­weise aus dem Keller in ein gesi­cher­tes Transportfass umge­füllt haben. Rechtzeitig, bevor die Atemluft zur Neige geht, müs­sen die Kräfte auf dem Schulhof von Kollegen in Schutzkleidung zunächst äußer­lich gerei­nigt wer­den. Schweißtriefend schä­len sich die Helfer nach die­ser Dekontamination eins- ums andere Mal aus den klo­bi­gen Anzügen, tau­schen Atemschutzgeräte aus und machen sich wie­der für wei­tere Arbeiten bereit.

Am Ende sind, gemein­sam mit den haupt­amt­li­chen Kräften, rund 75 Helfer aus fast allen ehren­amt­li­chen Löscheinheiten am Heyerweg im Einsatz oder sichern auf der Hauptwache den Grundschutz der Stadt. Zusätzliche aus der Freizeit akti­vierte Kräfte der Grevenbroicher Wehrleitung orga­ni­sie­ren dort zudem die Arbeiten im Hintergrund und unter­stüt­zen so die Helfer vor Ort. „Die Zusammenarbeit hat aus­ge­zeich­net geklappt“, sagt Einsatzleiter Wolff, als es am spä­ten Abend rund um die Realschule schließ­lich ruhi­ger wird. „Ein gro­ßes Danke an alle Kräfte.“

Erst weit nach Mitternacht, sind die letz­ten von ihnen mit dem Rückbau der Schutzmaßnahmen am Heyerweg fer­tig, haben Fass und Schutzkleidung an eine Neusser Spezialfirma zur Entsorgung bezie­hungs­weise Reinigung über­ge­ben. Doch bis alle Fahrzeuge wie­der bestückt, die Einsatzkleidung getauscht, alles wie­der für den nächs­ten Alarm bereit ist und auch die letz­ten Kräfte wie­der in die Gerätehäuser ein­rü­cken, geht es gegen drei Uhr morgens.

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